Nach fast 18 Jahren ist es soweit. Ich muss Abschied nehmen. Abschied von meinem geliebten kleinen Auto. Meinem Möppel, meinem Mikrich, meinem kleinen schwarzen Flitzer. "Was stellt sie sich so an?", fragt Ihr Euch. Wahrscheinlich zurecht. Doch es ist wie es ist - ich bin traurig. Denn mit dem Kauf dieses Autos begann ein neuer Lebensabschnitt für mich. Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich mir damals von meinem ersparten Geld ein neues Auto kaufen. Was war ich stolz das Geld in bar auf die Tresen des Autohauses zu legen. In all' den Jahren hat es mich treu und fast ohne Macken begleitet. Es hat meinen Göttergatten und mich in die Hochzeitsnacht gefahren. Es hat uns immer wohlbehalten zum Kinderarzt, zum Krankenhaus, zur Spielgruppe, zur Musikschule, zur Fechtschule oder sogar in den Urlaub gebracht. Mit ihm haben meine Kinder und ich die schönsten Ausflüge unternommen und es hat tapfer, ganz ohne Unterstellplatz, jedem Wetter getrotzt. Je älter mein Mikrich wurde, desto liebevoller wurde er von mir und den Kindern geschmückt. Es wurden duftende Eulen hinein gehangen, ein Fensterbild mit einem Eichhörnchen kam hinzu und Stöcke, Steine und andere Materialien aus der Natur waren immer mit von der Partie. Doch die schönste Dekoration waren die riesengroßen Kiefernzapfen hinten auf der Hutablage. Wie sie dort hin kamen? Nun, das war so:
"Mama, guck mal, was ich für dich gesammelt habe!", mein Großer, gerade mal neun Jahre, steht mit seinem besten Kumpel strahlend vor mir. Glücklich sehen die beiden aus. Sie kommen gerade von einer ausgiebigen Erkundungstour vom nahen Feld zurück. Beide Jungen starren vor Dreck, sogar in den langen blonden Haaren der beiden Kinder klebt die feuchte Erde des frisch umgepflügten Feldes. Ich blicke auf die Schuhe der Kinder und schlage innerlich die Hände über den Kopf zusammen. "Sie müssen auch am Bach gewesen sein.", schießt es mir durch den Kopf und mein Blick wandert langsam nach oben. Das Blau der Jeanshosen ist nicht mehr zu erkennen und in dem linken Hosenbein des Kumpels prangt ein dickes Loch. Mein Großer hat sein Shirt zu einem Transportnetz umfunktioniert und in diesem liegen die größten und schönsten Kiefernzapfen, die ich je gesehen habe. Große Harzflecken zieren sein gesamtes Shirt und auch an seinen Händen klebt das Baumpech. Eigentlich hätten die beiden Jungen eine Standpauke verdient, doch der Stolz und die Freude in dem Gesicht meines Großen lässt mein Herz schmelzen. "Dort ganz hinten steht eine Kiefer, Mama.", weiß mein Großer voller Eifer zu berichten und zeigt wage in die Landschaft, "Da liegen die dicksten Zapfen der ganzen Welt auf dem Boden!". Das sommersprossige Gesicht seines Kumpels strahlt mich ebenfalls an und er ergänzt lebhaft: "Den Baum hat mein Ur-Großvater gepflanzt, da war mein Opa noch nicht auf der Welt.". Ich wuschele den beiden Lausern breit lächelnd durch die Haare und nehme anschließend meinem Großen die Zapfen aus den Händen. Mein Großer schlingt seine nackten Arme um mich und hebt sein hübsches Gesichtchen zu mir hoch. Ich beuge mich zu ihm runter, flüstere ich gerührt: "Dankeschön, mein Hase!" und drücke meinem Großen einen Kuss mitten auf die Lehm verschmierte Wange. "Nur für dich, meine Mama.", flüstert er mir zu und fragt laut, "Wohin legst du denn die Zapfen?". "Erstmal hinten auf die Hutablage von meinem Auto.", erkläre ich lachend, ohne zu ahnen, dass sie dort für immer liegen bleiben würden.
Adieu, mein Freund!

























































