Sonntag, 10. November 2024

Heimatgeschichte(n) - Der Martinsabend am Niederrhein



Der Martinstag am 11. November entwickelte sich hier bei uns am Niederrhein im Laufe der Jahrhunderte zu einem bedeutenden Feiertag, der verschiedene landwirtschaftliche und religiöse Traditionen vereinte, denn der Martinstag markierte das Ende des Bauernjahres. Zu diesem Zeitpunkt war die Ernte bereits eingebracht, das Vieh wurde geschlachtet, alle Früchte waren verarbeitet, die Knechte und Mägde durften ihre Familien besuchen und bekamen manchmal einen Martinstaler als Zugabe gereicht. Leider wurde auch die Pacht (oft als Pachtgans) fällig. Denn obwohl die Grundherren das ganze Jahr über Zins und Zehnt einzogen, war seit dem Mittelalter der Martinitag (11. November) der traditionelle Stichtag für Abgaben. 

>He kömmt de Martensman, de well de Hauszins han! 
De Martensman well Koke, Äppel, Birke (Birnchen) on Nösskes han!<

Zudem leitete Martini im Kirchenjahr beginnend mit einem Lichterfest die sechswöchige Adventsfastenzeit ein. Kinder zogen am Abend vor dem Martinstag durch die Nachbarschaft und sammelten Holz für das Martinsfeuer. Außerdem erhielten sie Gebäck, die sogenannten "Martinsküchelchen", welches im Fett der geschlachteten Tiere ausgebacken wurde. Dem Kinderzug voraus lief ein huckepack getragenes Kind, das sogenannte "Martinsmännlein". Später wurde das Kind allerdings auf ein Pferd gesetzt und schließlich wurde aus dem "Martinsmännlein" der heilige Martin. Der Martinstag entwickelte sich zu einem Schwellentag, ähnlich dem Aschermittwoch und so kam es, dass das "Martinsmännlein" sich später sowohl zum Heiligen Martin und als auch zum "Hoppeditz" im (nieder-)rheinischen Karneval entwickelte. 

>Fastelovendsspillchen git e Marten!<
Schwängerung eines Mädchens zu Fastnacht zeigt am Martinstag die Folge.

Aufgrund von Bedenken der Obrigkeit wurden die Umzüge durch Pfarrer und Lehrer zunehmend organisierter. Den ersten offiziellen Martinszug gab es übrigens 1867 in Dülken und den ersten berittenen St. Marin im Jahre 1886 in Düsseldorf. Der Niederrhein gilt als Ursprungsregion der Martinstradition. Heute sind die Martinsumzüge am Niederrhein als immaterielles Kulturerbe des Landes NRW anerkannt.

Auch rund um unser altehrwürdiges Kloster Kamp wurde Sankt Martin gebührend gefeiert. Überlieferungen erzählen, das es früher Sitte war, dass die Jungend, die sogenannten Martinsjungen, mit ausgehöhlten Runkelrüben (Rübengeister) oder Fackeln beleuchtet mit einem "Märtenskętskən" (Martinskerze) am Martinsabend beim Heischen oder "stotzen gohn" mit sich herum trugen. Hier wurde das Brennmaterial für das Martinsfeuer bei den Bürgern unter Absingen eines Heischeliedes zusammengeholt, wobei dabei mit einem Stecken auf den Boden gestoßen wird.

>stotz, stotz, get os en ale Märteskorf (Martinskorb)!<
erhalten die Jungen nichts, dann singen sie: 
>stotz, stotz, ditz, äs en ollen Gitz (Geizhals)!<

>stotz, stotz, Stollendörp, get os ene ale Märteskorf
odder en al Man, wat de Man (Korb) messe (tragen) kann,
en Büsch Strüh (Stroh), en Man (Korb)Flüh!<

>Zent Märte, de Äppel habbe Sterte (Schwänze) 
hant de Äppel golde Sterte, sind de Äppel vergete.<

>Mertesmaus, Mertesmaus, gerf mer en Bäusch Strüh (Stroh) eraus; 
ra, ra, re, gerft mer en al Man (Korb)!<


Zur Belustigung der Kinder wurde am Abend vor Martini ein "Zent Märtesack" (Sankt Martinssack) aufgehangen. Der Martinssack bestand aus einer Papiertüte, die mit Süßigkeiten, Äpfeln und Nüssen, aber auch einigen Kartoffeln oder bitterschaligen Rüben gefüllt und an einer Zimmerdecke aufgehängt war. Am unteren Ende der Tüte hing ein Papierstreifen, den man anzündete. Während er brannte, hielten sich alle Kinder an den Händen und tanzten drumherum, dazu sangen die Kinder das Lied:

>Zent Märtens, zent Märtes Vögeltsche, 
Rond rond Kögeltsche, 
wo flog et, wo stoo et, 
All ower de Rhinn, wo de fette Ferkes sin. 
De fette Ferkes sölln geschlacht sin, 
Heißa zent Märte!

De Kalver hebben Stärte
De Köhj hebben Hörnder
On krüppen all in de Dörnder
 Heißa zent Märte!<


War die Tüte von den Flammen erfasst, fiel ihr Inhalt zu Boden. Nun galt es, im Dunkeln (es durfte kein Licht im Zimmer sein) die herausgefallenen Süßigkeiten zu finden. Besonders lustig war es anscheinend, wenn ein Kind eine bittere Rübe oder Kartoffel für einen Apfel hielt und hinein biss oder über die kullernden Kartoffeln ausrutschte. Am gleichen Abend pflegte man hier in unserer Klosterstadt, in den "Vierquartieren", auch kleine Buchweizenkuchen, die sogenannten "Sent Märede Runke" (auch Martinsküchelchen genannt), zu backen. Ein überliefertes Liedchen nimmt dazu aus dem Stadtteil Rossenray Bezug:

>Sent Märte, Sent Märtede Runke sin noch net gegäste.<
Teig ist noch nicht aufgegangen.


Auch der früher am Sankt Martinsabend geübte Brauch über ein Licht zu springen ist heute leider verschwunden. Dafür stand auf dem Fußboden der Küche oder eines Zimmers eine brennende Kerze. Wer das Licht beim Springen auslöschte, musste ein Pfand geben, welche hinterher verlost wurden. 


Martinsküchelchen

Zutaten
  • 1 Ei
  • 250 ml Milch
  • 125 g Buchweizenmehl
  • Öl zum Braten (früher Schmalz)

Zubereitung


Das Ei trennen und das Eiweiß zu Schnee schlagen. Eigelb mit Milch und dem Buchweizenmehl anrühren. Fünf Minuten quellen lassen. Anschließend den Eischnee unterheben. Den Teig esslöffelweise mit neutralem Öl in der Pfanne ausbacken.

Bestrichen werden die kleinen Pfannkuchen mit Apfelmus, Pflaumenmus oder Apfelkraut.



Quellentext:
Karl Friedrich Flögel, Geschichte des Grotesk-Komischen
1914, München verlegt bei Georg Müller
digitalisierte Fassung im Wörterbuchnetz 
des Trier Center for Digital Humanities

Die Fotos oben habe ich am 07.11.2024  in Kamp-Lintfort an der Ernst-Reuter-Schule gemacht.
Für mich ein ganz besonders schöner Abend zu Sankt Martin,
da mein Sohnemann als BuFDi dort den Bettler gemimt hat.


verlinkt mit: *Sonntagsschätzchen*

Sonntag, 3. November 2024

Novembergedanken


Die Farben werden blasser, die Natur dämpft ihre Töne und doch kommt jetzt eine Zeit, die mir schon immer gefallen hat. Ich liebe es, wenn man durchgefroren nach einem ausgiebigen Spaziergang nach Hause kommt und sich schon auf ein wärmendes Feuer freuen kann. Wenn dann noch der Wasserkessel für eine gute Tasse Tee fröhlich auf dem Ofen pfeift oder die Kaffeemaschine fauchend den heißen Kaffee in die großen Becher brüht, könnte ich wohlig seufzen. Noch ein paar selbstgebackene Kekse dazu und ein gutes Buch und dann ab auf das Sofa. Wenn sich dann noch unsere hübsche Hündin Julie zu meinen Füße kuschelt und der Kater neugierig aus dem Fenster guckt habe ich die Welt im Döschen. Doch eines muss ich gestehen, falls mein Göttergatte die Familie für ein Brettspiel zusammenruft, lege ich liebend gerne meine Lektüre beiseite. 


verlinkt mit: *Sonntagsschätzchen*

Dienstag, 29. Oktober 2024

Kürbis schnitzen



"Nur noch ein paar Tage, dann ist es soweit, dann ist wieder Halloween, dann ist Geisterzeit!", das Lied aus den Kindertagen unserer Söhne spukt mir schon seit ein paar Tagen durch den Kopf und heute ist es mir besonders präsent. Denn es dauert nicht mehr lange, dann werden unsere nicht mehr kleinen und großen Freunde eintrudeln, um heute bei uns im Garten einer liebgewordenen Tradition nach zu kommen und wie in den Jahren davor gemeinsam Halloween-Kürbisse zu schnitzen. In der Küche hört man das eifrige Geklapper einiger Topfdeckel, denn mein Göttergatte schmeckt noch einmal die bereits fertige Kürbissuppe ab. Ich grinse fröhlich vor mich hin, denn ich weiß es wird heute nicht nur Kürbissuppe mit verschiedenen Brotsorten geben, sondern es warten auch noch Würstchen-Spinnen und Mumientaler auf unsere Gäste. Ich genieße noch einmal den Duft von Kürbis, Kokosmilch und Zimt und laufe aus der Küche die Hoftreppe hinunter, als das laute Geknattter eines Motorrades zu hören ist. Der jüngste Spross meiner Freundin ist da und auch meine Herzenstochter kommt mir bereits lächelnd entgegen. Unsere Söhne werden erst später dazukommen, da heute nach den Ferien ihr erster Arbeitstag gewesen ist, genau wie meine Patentochter, deren duales Studium sie ganz in Anspruch nimmt. Der große Sohn meiner Freundin wird aus dem selben Grund leider gar nicht kommen können und umso mehr freue ich mich, dass der Jüngste in unserer Mitte bereits hochmotiviert in unserem rustikalen Holzpavillon an seinem Kürbis schnitzt. Ich drücke auf den Schalter und die Lichterkette mit den großen Glühlampen flammt auf und gibt dem Pavillon eine gemütliche Atmosphäre. Meine Gedanken wandern zu dem Patenonkel meines Jüngsten, der mittlerweile in Köln in einer Einrichtung für betreutes Wohnen lebt und schicke ihm ein paar liebevolle Gedanken. Ich hoffe, dass er weiß, wie sehr er uns fehlt. Doch endlich sind alle da und schnell wird aus unserem altem Holztisch im geschützten Pavillon ein Basteltisch. Wärmender Tee und heißer Kaffee wird herumgereicht und immer wieder läuft jemand in die Küche um sich an unserem kleinen Halloween-Buffett gütlich zu tun. Fröhliches Geplauder schalt durch unseren herbstlichen Waldgarten, während die Sonne langsam in einem herrlichen Orangerot hinter den altwürdigen Bäumen verschwindet und die Kühle der Nacht über uns hereinbricht. Nach und nach werden jetzt auch die Kürbisse fertig und jeder einzelne von ihnen wird mit einem Licht ausgestattet und von allen gebührend bestaunt. Dankbar blicke ich in die offenen Gesichter meiner Lieben und wünsche mir von ganzem Herzen, dass diese Tradition niemals aufhören wird. 

hAppY  hAllOwEEn!


Sonntag, 27. Oktober 2024

12tel Blick - Oktober / Ein Wipfelbild



Heute mache ich wieder bei der "12tel Blick - Fotoaktion" von Eva aka "verfuchstundzugenäht" mit. Wie Ihr vielleicht wisst, habe ich mir dafür den Blick aus dem Kinderzimmer-Fenster in unseren Garten ausgesucht. Zwar kann man dort nur die Wipfel der altehrwürdigen Bäume sehen, doch ich genieße diesen Blick immer sehr, wenn ich am Fenster stehe. Für das Projekt habe ich mich übrigens für ein anderes Foto-Format entschieden, aber um den Garten in seiner Gesamtheit zu sehen ist das Querformat einfach besser.

Die tiefstehende Oktobersonne verzaubert den Blick aus dem Kinderzimmerfenster und lässt unsere bereits verfärbte Fassadenbegrünung strahlen. Noch hat der Herbst den großen Ahornbaum nicht in ein Farbenmeer verwandelt, doch vereinzelt kann man schon bunte Blätter erahnen. Das Foto habe ich am 16.10.2024 um 18:20 Uhr gemacht, am wärmsten Tag des Monats. Ungewöhnliche 20° Grad konnten wir in unserer Klosterstadt verzeichnen und auch das Licht schien Abends eher ungewöhnlich. Und weil es einfach so wunderschön war, habe ich noch ein paar Fotos vom 21.10.2024 für Euch. Diesmal ist es der Blick zu unserem Gästezimmerfenster. Hier könnt Ihr das Leuchten unserer Fassadenbegrünung "Wilder Wein" erahnen. Und keine Angst: das verzinkte Gitter ist nur dafür da, dass ungebetene Gäste draußen bleiben. Liebe Gäste sind uns immer willkommen. 







Alle Wipfelbilder auf einem Blick:



Verlinkt:
*Mein Freund der Baum* von Astrid, "12tel Blick" von Eva, "Himmelsblick" von Heidi